LITERAtaiment in Zerbst/ Anhalt

LITERAtaiment in Zerbst/ Anhalt

Hier stehe ich. Ich kann nicht anders….“ – Martin Luther- wortgewaltiger Reformator

Annegret Mainzer, Zerbst

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Die laufenden 52. Zerbster Kulturfesttage veranlassten die Stadtbibliothek Zerbst und den Zerbster Heimatverein literarisch und geschichtlich Interessierte zu einem nicht alltäglichen LITERAtaiment unter dem hochaktuellen Motto „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders…“ – Martin Luther – wortgewaltiger Reformator mit Dr. Hans-Henning Schmidt aus Halle einzuladen. Zahlreiche Besucher folgten dieser Einladung.

Vor mehr als einem Jahrzehnt hob Dr. Hans-Henning Schmidt, Sprechwissenschaftler-und ~erzieher, Germanist und Ghostwriter, das Veranstaltungsformat LITERAtaiment, einen Mix aus Lesung, Darstellung und Moderation, aus der Taufe.

dscn1052In den Zerbster Abend startete der LITERAtainer Dr. Schmidt mit einer ironischen Betrachtung der Auswüchse der gegenwärtig prosperierenden, manchmal auch groteske Züge annehmenden Lutherverehrung. Zuvor bekannte er, dass er das erste Mal in Zerbst/Anhalt sei, was aus dem Publikum mit dem Zwischenruf: „Da haben Sie etwas verpasst!“ kommentiert wurde. Doch in seinen einleitenden Ausführungen bewies Dr. Schmidt seine Fachkenntnis über den Einfluss der von Martin Luther in Gang gesetzten Reformation auf die weitere Entwicklung der Stadt Zerbst.

Im Fokus dieses LITERAtaiment-Abends standen Texte von und über Martin Luther. Der erste Text stellte eine Einschätzung der Person Martin Luthers durch den damaligen Rektor der Universität Leipzig dar. So erfuhr das Zerbster Auditorium, dass Luther von mittlerer Leibeslänge und hoher klarer Stimme war und vor allem voller Gelehrsamkeit und einem großen Vorrat an Worten. Neben diesen Lobesworten übte man auch Kritik an ihm, u.a. sei Luther im Schelten zu heftig und zu beißend gewesen und zwar mehr als es für einen Theologen schicklich sei.

Des Weiteren las LITERAtainer Dr. Schmidt aus Tischreden Luthers, flocht einige seiner Fabeln in sein Programm ein, stellte auszugsweise seine Thesen vor. Dabei präsentierte er markante Stellen aus bekannten Schriften Luthers, so aus der Schrift  An den christlichen Adel deutscher Nation und aus dem Sendbrief vom Dolmetschen aus dem Jahr 1530. Sehr anschaulich und für die Zuhörerschaft nachvollziehbar beschrieb Dr. Schmidt die Situation Martin Luthers am 18. April 1521 auf dem Reichstag zu Worms, wo er den Widerruf seiner Thesen und Schriften verweigerte. Einzig und allein eine durch die Heilige Schrift begründete Widerlegung seiner Gedanken hätte Luther akzeptiert.

dscn1056LITERAtaiment heißt nicht nur literarisches Amüsement und Unterhaltung bei Dr. Schmidt, es bedeutet auch Aufklärung. So erfuhr das Zerbster Publikum von der Rezeption des reformatorischen Gedenkenguts Luthers durch seine Zeitgenossen wie den Nürnberger Hans Sachs, den Verfasser des Spruchgedichts Wittenbergische Nachtigall, in dem er offen und mit spitzer Zunge gegen das Papsttum auftrat. Aber einige Jahrhunderte nach Luther standen führende deutsche Geistesgrößen wie Goethe und Thomas Mann Luther kritisch gegenüber, gleichzeitig aber seine Leistung anerkennend.

An diesem Abend lernten die Zuhörer auch, dass einige der heutzutage gebräuchlichen Worte wie Morgenland, Denkzettel, Denkmal, kleingläubig zu den Neologismen, d.h. zu den Wortschöpfungen Lutherischer Prägung gehören.

Worte, Sprache und ihre Botschaften standen im Mittelpunkt des Abends, damit diese auch die beabsichtigte Wirkung erzielen, spielen zweifelsfrei die Personen, die sie unters Volk bringen, eine entscheidende Rolle. Zu diesem Personenkreis zählen u.a. Schriftsteller, Übersetzer und vor allem zu Luthers Zeiten Prediger, die gelehrt und beredt sein und eine feine Aussprache haben sollten. Martin Luther war sich stets der Wirkung von Sprache bewusst.

All diese hier aufgezählten Anforderungen an einen Redner erfüllte der LITERAtainer Dr. HansHenning Schmidt voll und ganz. Die ihm im Blut liegende Eloquenz, seine von hoher Professionalität geprägte Lesung – vor allem auch der für die Zungen unserer Tage schwierigen Originaltexte Luthers – und angenehmene Moderation, gepaart mit passenden gesanglichen Einlagen, garantierten trotz nicht weniger belehrender Momente einen unterhaltsamen, aufschlussreichen und anregenden sowie kurzweiligen Abend, den das Zerbster Publikum mit viel Beifall honorierte.

dscn1065Irene Stephan, Vorsitzende des Zerbster Heimatvereins, und Margitta Benecke, Leiterin der Stadtbibliothek Zerbst, dankten einerseits der Kreissparkasse Anhalt-Bitterfeld für die gewährte Unterstützung und andererseits dem LITERAtainer Dr. Hans-Henning Schmidt nicht nur mit Worten der Begeisterung, auch mit einem Zerbster Bitterbier, das wohl dem großen Reformator Martin Luther auch gemundet haben soll.

dscn1048Zerbst, den 22. Februar 2017

Peter Prange: Die Rose der Welt – Studieren im 13. Jahrhundert

Peter Prange: Die Rose der Welt  – Studieren im 13. Jahrhundert

Annegret Mainzer, Zerbst

Mit seinem historischen Roman Die Rose der Welt entführt Peter Prange seine Leserschaft in das hochmittelalterliche Paris, an die damals noch junge Pariser Sorbonne, die auch Die Rose der Welt genannt wurde.

Mit dem Schicksal der Studenten und Professoren der Sorbonne sind auch eng die Lebenswege von Peter Pranges Romanhelden, den Freunden Robert und Paul, verbunden: Robert und Paul,  aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, gelingt es, ihren gemeinsamen Traum von einem Leben in Paris zu verwirklichen – jedoch auf unterschiedlichen Wegen und dabei Tiefen und Höhen erlebend.

Robert studiert, steht zu Romanbeginn kurz vor den Prüfungen, deren sehr gutes Bestehen ihm eine interessante Gelehrtenlaufbahn unter dem Schutz des seinerzeit berühmtesten Gelehrten Victor d‘ Alsace verspricht. Paul ist dagegen bereits mit Marie, einer Apothekerstochter, verheiratet und verdient sich seinen Lebensunterhalt als Kopist für studentische Lehrtexte.

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Während der Eselsmesse am Ende der Karnevalszeit, wo die ausgelassenen Studenten kirchliche Würdenträger verspotten, werden Studenten brutal niedergemetzelt und Robert wird verhaftet. Letzteres, eine verhängnisvolle Verkettung unglücklicher Umstände, bringt Roberts Lebensplanung arg ins Wanken.

All diese Geschehnisse bringen die Romanhandlung auf verschiedenen Ebenen ins Rollen: die Freunde Robert und Paul kommen sich nach langer Zeit des Sich-Meidens wieder näher, die Professoren der Sorbonne treten für Gerechtigkeit und freiheitliches Denken in den Streik, was wiederum ein Kräftemessen zwischen Kirche und Staat auslöst, insbesondere auch zwischen dem jungen König, der gern studieren möchte, und seiner Mutter sowie seinen Beratern, die von einem studierten Monarchen wenig halten.

In diese von Peter Prange sehr authentisch beschriebenen Ereignisse ist die Geschichte von Robert, Paul und dessen Frau Marie eingebettet, die dadurch interessant wird und neugierig auf Fortsetzung macht, dass  Robert und Marie sich ineinander verlieben. Das ist aber keine triviale Dreiecksgeschichte, denn Marie ist für Ihre Zeit eine ungewöhnlich selbstständig denkende Frau.

Im 13. Jahrhundert, als die Position der Frauen in der Gesellschaft generell unter der des Mannes standen, blieb den Frauen der Zugang zu höherer Bildung zumeist verwehrt. Theologie und Philosophie untermauerten seinerzeit diese Beschränkung der Lebensbereiche der Frauen. Hatten sie Glück kann, dann sorgten wenige weitsichtige Väter oder Ehemänner dafür, dass sie schreiben und lesen lernen konnten. Marie gehört zu diesen, da sie in der Kopierstube ihres Mannes Paul mithilft, ist sie des Schreibens und Lesens mächtig. Doch Marie genügt es nicht, die Texte der Gelehrten nur abzuschreiben, sie beginnt, sie zu lesen, sich eigene Gedanken darüber zu machen und stellt Fragen, die aber von ihrem Mann Paul wider besseren Wissens abgewürgt werden. Doch als sie und Robert sich näher kennen lernen, ist es Robert, der auf die Fragen und eigenen Gedankengänge von Marie eingeht und mit ihr Dispute führt, so wie sie es sich von ihrem Mann gewünscht hätte. Das wiederum führt dazu, dass Marie sich von Paul entfremdet und in Robert verliebt, woraufhin weitere Konflikte nicht ausbleiben.

Eine ganze Reihe gordischer Knoten muss Autor Peter Prange am Ende seines Romans Die Rose der Welt lösen, sei es im Leben von Robert, Paul und Marie, aber auch  bezüglich der weiteren Entwicklung an der Sorbonne. Werden dabei die Freiheit der Gedanken, die Vernunft der Lehre gegen kleingeistige Gottesfurcht und gegen persönliches Machtstreben und royale Intrigen siegen?

Sehr authentisch, überaus anschaulich und stets die Perspektiven wechselnd, erzählt Peter Prange im Roman Die Rose der Welt von den Ereignissen um die Professoren und Studenten an der Sorbonne im 13. Jahrhundert.  Neugierig macht er auch dadurch, dass jedes Kapitel mit einer ungelösten Frage endet. Insbesondere seine Darstellung der Atmosphäre im Hause und Kontor des Kopisten Paul ist äußerst bildhaft, so dass man das Gefühl hat, mittendrin zu sein.

Die Rose der Welt , ein Buch von Peter Prange, ist als Lektüre sehr zu empfehlen, vor allem zeigt der Roman auch, wie man vor zirka 800 Jahren lehrte und studierte.  Auf einer Skala von 1 bis 10 erhält der Roman von mir 9,5 Punkte.

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Zerbst, den 13. Februar 2017

Jan von Flocken: Königin Luise muss man lieben, Katharina II. verehren

Jan von Flocken: Königin Luise muss man lieben, Katharina II. verehren

Annegret Mainzer, Zerbst

Gesprächsrunde mit Katharina-Biograf Jan von Flocken in Zerbst/Anhalt

Historiker und Autor Jan von Flocken

Historiker und Autor Jan von Flocken

Laut gregorianischem Kalender jährt sich am 17. November diesen Jahres der Todestag von Zarin Katharina der Großen, einer geborenen Prinzessin von Anhalt-Zerbst-Dornburg, zum 220. Male. Dieses runde Datum nahm der 1992 ins Leben gerufene Internationale Förderverein „Katharina II.“ Zerbst e.V. zum Anlass, am 12. November zu einer Gesprächsrunde mit Jan von Flocken, dem Autor der 1991 im Verlag Neues Leben Berlin erschienenen Katharina-Biografie, einzuladen. 

20161026_171321Tatyana Nindel, Vorsitzende des Katharina- Vereins, konnte im Fasch-Saal der Zerbster Stadthalle etwa 70 Besucher begrüßen. Und die Besucher kamen nicht nur aus Zerbst und dem Zerbster Umland, auch aus Berlin reisten sie an wie z.B. die Avantgardkünstlerin Joelle Meissner und Stefan Vinzberg, Initiator und Komponist der Oper Katharina. Die deutsche Zarin.

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Im ersten Teil seiner Ausführungen räumte der studierte Historiker und jetzt als Journalist tätige Jan von Flocken mit zwei oft  in den zahlreichen Büchern und Filmen über Katharina II. anzutreffenden Aussagen auf: Erstens widerlegte er die Feststellung, dass Katharina II. ihre Jugend in Zerbst verbracht habe und verwies auf ihren Geburtsort Stettin (heute: Szczecin/ Polen). Zweitens stellte er die Aussage, Katharina habe ihren Übertritt zur russisch-orthodoxen Kirche akzeptiert, richtig. „ Da gab es nichts zu akzeptieren, die künftige Gattin des künftigen Zaren musste konvertieren“, referierte von Flocken.

Nach diesen Richtigstellungen ging Jan von Flocken detaillierter auf die Genese seiner Katharina-Biografie ein. Offen bekannte er, dass er durch die Arbeit an seiner Biografie über die preußische Königin Luise den Zugang zur Persönlichkeit Katharinas II. gefunden hatte. In diesem Zusammenhang berichtete von Flocken von der Mitte der 80er Jahre beginnenden Preußen-Renaissance in der damaligen DDR. Da seine Biografie über Königin Luise sehr erfolgreich war, bekam er vom Verlag grünes Licht für weitere derartige Arbeiten. „Schreiben Sie, worüber Sie wollen, wir nehmen alles“, motivierte ihn eine damalige Lektorin.

Diese einem Freibrief gleichkommende Aussage bedeutete jedoch nicht, dass Jan von Flocken sich über alle Regeln des DDR- Verlagswesens hinwegsetzen konnte. Ein Gutachter bemängelte, dass von Flocken in seiner Katharina-Biografie zuviel über Katharinas Leben und wenig über russische Wirtschaftsgeschichte geschrieben hatte. Fast hätte von Flocken das Manuskript in den Papierkorb geschmissen, hätte nicht eine mutige Lektorin eingelenkt.

20161112_171743 Während seiner Arbeit an der Katharina-Biografie stellte von Flocken sich die Frage: Was kannst du Neues bzw. Interessantes über Katharina II. schreiben angesichts zahlreicher schon erschienener Biografien, Tagebuchaufzeichnungen und Memoiren ihrer Zeitgenossen?

Im Zuge seiner Recherchen, die seinerzeit noch gänzlich ohne Kopierer und Google & Co., nur in Bibliotheken, mittels Fernleihe und handschriftlicher Notizen erfolgten, stieß von Flocken auf eine interessante Quelle, nämlich auf Aus den Papieren Jacob von Stählins, 1926 in Berlin herausgegeben. Von Stählin war der Bibliothekar von Zar Peter III., dem Gatten von Katharina II. Die Aussagen, die von Stählin in seinen Aufzeichnungen über Zar Peter III. trifft, so von Flocken, widersprächen der Beurteilung Peters, die in den Memoiren Katharinas zu lesen ist. In ihren Memoiren lässt Zarin Katharina II. kein gutes Haar an ihrem Gatten, denn sie sei eine geniale Propagandistin in eigener Sache gewesen, schlussfolgert von Flocken. Er bewertet die Aussagen Katharinas über ihren Gatten als „Aussage einer betrogenen Ehefrau im Scheidungsprozess“. Von Flocken orientierte sich in seinem Buch an der Quelle „Stählin“ und so findet sich in seiner Katharina-Biografie eine objektivere und positivere Darstellung der Persönlichkeit Peters III. Diese deckt sich auch mit den neusten Forschungsergebnissen über Peter III. Im gleichen Atemzug erklärt von Flocken auch sehr überzeugend die Gründe Katharinas II., ihren Gatten in keinem guten Licht erscheinen zu lassen.

Des Weiteren scheute sich Jan von Flocken auch nicht davor, auf die Gerüchte über Katharina II., d.h. auf die Sache mit dem Pferd, auf ihre unzähligen jugendlichen Liebhaber sowie auf die sogenannten Potemkinschen Dörfer und ihren angeblichen Anteil an der Ermordung ihres Gatten einzugehen. Sehr eloquent, schlüssig und glaubhaft nachvollziehbar dekuvrierte von Flocken diese Verleumdungen Katharinas II., die sich bis heute hartnäckig halten und so mancher Verfilmung als Hook dienen.

Wer daran interessiert ist, zu erfahren, was sich wirklich hinter diesen Gerüchten verbirgt, dem sei empfohlen Jan von Flockens Biografie über Zarin Katharina II. zu lesen. An dieser Stelle wird nicht gespoilert.

Von Flockens Buch liest sich sehr gut: Er argumentiert äußerst plausibel und einleuchtend, auch für die noch wenig in russischer Geschichte belesene Leserschaft. Seine zahlreichen treffsicheren Attributierungen der handelnden historischen Personen erleichtern den Lesern den Zugang zu ihnen.

20161112_1712440 Zurück zur Gesprächsrunde in Zerbst: Belohnt wurde Jan von Flocken für seine Ausführungen mit reichlich viel Beifall. Natürlich konnten die Zuhörer auch die sie bewegenden Fragen an ihn richten, wovon auch Gebrauch gemacht wurde. Einige Besucher hatten auch ihre Bücher von von Flocken mitgebracht, um sie signieren zu lassen. Am Ende der Gesprächsrunde erklärte sich Jan von Flocken bereit, Mitglied des Internationalen Fördervereins „Katharina II.“ Zerbst e.V. zu  werden. 

Da sowohl die erste wie auch die zweite Auflage von Jan von Flockens Katharina-Biografie vergriffen ist, sollten Interessierte Bibliotheken wie auch Verkaufsplattformen im Internet nutzen, um ein Exemplar zu erwerben.

Zerbst, den 13.November 2016

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Teresa Simon: Zwei Romane mit fesselnden Familiengeheimnissen

Teresa Simon: Zwei Romane mit fesselnden Familiengeheimnisse

Die Frauen der Rosenvilla

Die Holunderschwestern

20161009_110846Wer spannende packende Familiengeheimnisse liebt, dem empfehle ich die spannungsreiche mitreißende Lektüre der Romane Die Frauen der Rosenvilla und Die Holunderschwestern aus der Feder der Autorin Teresa Simon.

Während der Roman Die Frauen der Rosenvilla seine LeserInnen in das Jahr 1913 in die sächsische Metropole Dresden entführt, spielt der Roman Die Holunderschwestern zwischen den zwei Weltkriegen im Herzen Bayerns, in München.

Durch Zufall gelangen Briefe und Tagebuchaufzeichungen aus diesen ereignisreichen Zeiten in die Hände der jetzt lebenden Nachkommen. Somit erhalten die LeserInnen ebenfalls einen Einblick in das Leben der Menschen in Dresden und München in unseren Tagen.

Die Frauen der Rosenvilla

20161009_110741 Im Roman Die Frauen der Rosenvilla ist es Anna, die in Dresden bereits ihre zweite Chocolaterie eröffnet hat, und somit das Lebenswerk ihres Großvaters fortsetzt. Auch die Villa ihrer Familie hat sie wieder erworben und umgestaltet. Im Zuge des Wiederherstellung des einstigen Rosengartens an der Villa stößt sie auf eine geheimnisumwobene Schatulle, die Aufzeichnungen verschiedener Personen enthält, die einst in der Rosenvilla zu Hause waren. Die Rosenvilla bildet sozusagen die Verbindung zwischen dem Gestern und dem Heute.

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Anna lernt durch die Lektüre der gefundenen Notizen und mithilfe ihrer Freundin Hanka, einer Bibliothekarin, die Schicksale von Emma. Helen und Charlotte kennen und dringt auf diese Weise tief in die Geschichte ihrer Familie ein, eingebettet in die sogenannte „große“ Geschichte Deutschlands.

Dresden-Neustadt

Dresden-Neustadt

Wer Dresden etwas besser kennt, findet vielleicht noch einen leichteren Zugang zum Roman Die Frauen der Rosenvilla, da Teresa Simon sehr viel Lokalkolorit mit einfließen lässt. Jedenfalls war ich, immer wenn Anna in ihren Filialen war, versucht, mir vorzustellen, wo in der Alt- und Neustadt Dresdens die zwei Chocolaterien von Anna sich befinden könnten.

Beim Lesen des Romans Die Frauen der Rosenvilla fesselt nicht nur durch das Ergründen der Geheimnisse in der Familie von Anna, sondern man erfährt interessante Fakten über die Themen Schokolade und Rosen, sodass der Roman durchaus auch sinnlichen Genuss bietet.

Die Holunderschwestern

20161009_110556 Es ist die Geschichte der Zwillingsschwestern Fanny und Fritzi im München in den Jahren zwischen den zwei Weltkriegen, die die LeserInnen im Roman Die Holunderschwestern von Teresa Simon miterleben. Bereits der erste Satz des Romans > Wenn du entdeckst, was ich dir angetan habe, wirst du mich hassen bis in alle Ewigkeit.< macht neugierig aus das, was kommen wird.

Katharina, eine begabte Restauratorin, erhält eines Tages von dem überraschend aus London angereisten Alex die Tagebuchaufzeichnungen ihrer Urgroßmutter Fanny, einer Köchin. Katharina beginnt, dieses Tagebuch zu lesen und ihr wird im Laufe der weiteren Lektüre immer stärker bewusst, dass über bestimmte Personen wie z.B. über Fritzi in der Familie stets geschwiegen wurde. Nun hofft sie Antwort auf manche ihrer Fragen zu bekommen. Dabei trifft sie in der Gegenwart ganz konkret auf ein Stück des Lebens ihrer Urgroßmutter Fanny, nämlich auf die restaurierungsbedürftige Ladeneinrichtung vom Schreinermeister Franz Hirtinger, dem Geliebten ihrer Urgroßmutter.

Im Laufe der Lektüre des Tagesbuchs von Urgroßmutter Fanny lernt Katharina nicht nur Fritzi besser kennen, sondern auch die jüdische Familie Rosengart und begreift im Weiteren, zu welchen Opfern Frauen fähig waren, besonders in Zeiten, als uneheliche Kinder noch Schande und Schimpf bedeuteten.

Was ist beiden Romanen gemeinsam? Was unterscheidet sie?

Teilweise dunkle Familiengeheimnisse, politisch unruhige Zeiten, Zeiten, in denen Frauen nicht immer ihre Wünsche verwirklichen konnten, zwei Zeitebenen für die Handlungsstränge: die Vergangenheit und die Gegenwart, Lokalkolorit, ergreifende Liebesgeschichten und einfließendes Fachwissen– all das ist den beiden Romanen Die Frauen der Rosenvilla und Die Holunderschwestern von Teresa Simon gemeinsam. In Dresden spielen Schokolade und Rosen eine wichtige Rolle, in München dagegen Holunder. Und beide Romane sind Happy-Endorientiert.

Und doch sind die Romane durchaus verschieden: in den Handlungsorten, im Sujet. Meiner Meinung nach gestaltet Teresa Simon die Charaktere und Handlungsstränge im Roman Die Holunderschwestern tiefgründiger und ausgereifter als in Die Frauen der Rosenvilla. Und auch ist es ihr in Die Holunderschwestern besser gelungen, den Wechsel von Vergangenheit und Gegenwart zu meistern., d.h. die LeserInnen gleiten besser von Kapitel zu Kapitel.

Auf einer Skala von 5 Sternen würde ich dem Roman Die Frauen der Rosenvilla vier und dem Roman Die Holunderschwestern fünf Sterne geben. Doch des Lesens sind beide Romane wert, da der Schreibstil der Autorin sehr flüssig ist und die Rezepte im Nachtrag zum Nachmachen animieren.

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Zerbst, den 09. Oktober 2016 Annegret Mainzer

Ein Hauch von Zupfgeigenhansel, Minne, Chanson und Soul mit Band Chapeau im Zerbster Bibliotheksgarten

 Ein Hauch von Zupfgeigenhansel, Minne, Chanson und Soul mit Band Chapeau im Zerbster Bibliotheksgarten

von Annegret Mainzer, Zerbst

DSCN3442Altbewährtes bedarf keines auffallenden Glamours oder zusätzlich teurer Technik. Um Altbewährtes wie Volkslieder sowohl im traditionellen wie auch im neuen, manchmal ungewöhnlichen Gewande zu präsentieren, verlangt eigentlich „nur“ nach stimmlicher Begabung, solider musikalischer Ausbildung sowie nach einem Schuss intuitiver und narrativer Kreativität. Alle diese Elemente lassen sich im Programm Volkslieder und andere, die es nicht sind der Band Chapeau wiederfinden, zu dem die Stadtbibliothek Zerbst/ Anhalt kürzlich in den Bibliotheksgarten eingeladen hatte.  Der  laue Sommerabend mit mildem Lüftchen sorgte ebenfalls dafür, dass etwa 75 Gäste der Einladung der Stadtbibliothek Zerbst/ Anhalt folgten. Das Publikum- vom schulpflichtigen Teenager bis älter und überwiegend weiblich- sowie die Künstler Max Heckel und Tabi Harzer wurden von der Leiterin der Zerbster Stadtbibliothek  Margitta Benecke  herzlich begrüßt.  Bereits im Jahr zuvor hatte die 2013 gegründete Band Chapeau ihren ersten Auftritt im Zerbster Bibliotheksgarten.

DSCN3433Wenn alle Brünnlein fließen – mit diesem deutschen Volkslied begann Chapeau den Abend in Zerbst. Max Heckel an der Gitarre und Tabi Harzer am Piano und beide mit vollem, vor allem gefühlvollem  Stimmeinsatz.

Max Heckel und Tabi Harzer sangen auch Lieder, die aus der Feder von Max Heckel stammen, die er so vor „etwa 20 Semestern schrob“, wie er selbst kommentierte. So auch ein Lied, das die zurzeit geforderte gendersensible Sprache und politische Sprachkorrektheit aufs Korn nimmt und laut Max Heckel keine ethnische Minderheit und ethnische Frauheit angreife –  ergo: ein diskriminierungsloses Lied:

Singe ich A, hintergehe ich B. Singe ich über den Winter, mobbe ich den Schnee.

Das bekannte Volkslied Kein schöner Land wurde sehr eigenwillig. d.h. mit Soulstimme von Tabi Harzer dargeboten, was das Publikum mit viel Beifall honorierte. Auch für scheinbar unscheinbare Programmdetails zeigt Max Heckel ein glückliches Händchen, so war zu beobachten, dass er beim Singen der Liedzeilen „in seiner Güte uns zu behüten“ , nicht vergaß die Augen gen Himmel zu richten.

DSCN3437Beim Singen des Liedes Wie schön blüht uns der Mai erinnerte Max Heckel an die Tradition der Minnesänger. Ein Kleidungsstück aus der Truhe Walthers von der Vogelweide hätte ihm sicherlich sehr gut gestanden und den Auftritt perfektioniert.

Vertonungen von lyrischen Texten von Theodor Kramer, Theodor Storm, Heinrich Heine und Goethe wurden von Max Heckel und Tabi Harzer auch zu Gehör gebracht. Besonders beeindruckend war dabei die Interpretation des Textes Andre, die das Land so sehr nicht liebten. Diesen Text schrieb  1938 der österreichische Sozialdemokrat Theodor Kramer und er wurde von Erich Schmeckenbecher vertont.  Bei dieser Darbietung bewies Max Heckel nicht nur sein musikalisches Talent, sondern auch seine Empathiebegabung, zumal ja das Lied von hoher Tagesaktualität ist. Sehr einfühlsam auch die instrumentale Begleitung durch Tabi Harzer.

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Die gesanglichen und instrumentalen Darbietungen lockerte Max Heckel durch eine vergnügliche und wortverspielte Moderation auf, wobei er sich auch nicht davor scheute, Vulgarismen, die aber keineswegs störend  wirkten, zu benutzen.

Ein weiteres Element dieses sommerabendlichen Programms bildeten die von Max Heckel geschriebenen Geschichten aus dem Alltag. Hierbei verrät sein Schreibstil, d.h. die grandiose Beherrschung der Vielschichtigkeit der deutschen Sprache den studierten Germanisten Max Heckel. Mit seinen Geschichten über  Erlebnisse in Raucherecken auf Bahnhöfen, mit gestressten Vätern im Zug löste Max Heckel beim Zerbster Publikum herzhaftes Lachen unter Tränen aus.

DSCN3447Natürlich entließ das Zerbster Publikum Max Heckel und Tabi Harzer von der Band Chapeau nicht ohne Zugabe. Diese gestaltete sich als eine Art musikalischer scripted Poetry-Slam – die scheinbare Spontanität wurde glaubhaft rübergebracht. Auch schauspielerisches Talent zeichnet die beiden sympathischen Musiker aus.

Fazit: Ein gelungener und wahrhaft unterhaltsamer Abend mit charmanten und interessanten Künstlern im leider zu selten genutzten Zerbster Bibliotheksgarten. Jederzeit eine Wiederholung gewünscht.

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Zerbst, den 18.08.2016  Annegret Mainzer

Zwei Romane über die Arbeit von Hebammen

Zwei Romane über die Arbeit von Hebammen

  1. Kerstin Cantz: Die Hebamme

  2. Katrin Tempel: Holunderliebe

    Die Natur hat es so eingerichtet: Frauen gebären die Kinder, daran ändern auch sämtliche emanzipatorischen Bestrebungen nichts. Den Vorgang der Geburt zu betreuen und fachgerecht zu begleiten, lag schon seit jeher in den Händen von Frauen, den Hebammen. Studierte Ärzte kümmerten sich erst darum, wenn ihr chirurgisches Können gefragt war. Doch meist war es dann entweder für Mutter oder Neugeborenes oder für beide zu spät. Der Ignoranz der männlichen Ärzte ist auch die bis ins 19. Jahrhundert andauernde hohe Wöchnerinnenmortalität geschuldet, denn mit der Anerkennung der vom ungarischen Arzt Ignaz Philipp Semmelweiss (1818-1865) gewonnenen Erkenntnis, dass die Beachtung der einfachsten Regeln der Hygiene die Wöchnerinnen- und Säuglingssterblichkeit senkt, taten sich viele seiner Kollegen sehr schwer.

    Zudem tat die Kirchenlehre in früheren Zeiten ein Übriges, manche lebensrettende Maßnahme bei Geburten zu verhindern, da der Geburtsschmerz als Strafe für Eva angesehen wurde, die Adam dazu verführt hatte, von den Früchten am Baum der Erkenntnis zu kosten.

    „Zum Weibe aber sagte er ( Anmerkung: er = Gott): »Viele Mühsal will ich dir bereiten, wenn du Mutter wirst: mit Schmerzen sollst du Kinder gebären und doch nach deinem Manne Verlangen tragen; er aber soll dein Herr sein!“ (Genesis, 1.Mose, Kap.3, Vers 16)

    Dieses Zitat aus der Bibel zeigt auch, dass Entscheidungen, wie bei schwierigen Geburten vorgegangen werden sollte, dem Ehegatten oblagen.DSCN0638

    All diese Entwicklungen greifen zwei Autorinnen in ihren Romanen auf. Während Kerstin Cantz in ihrem Roman Die Hebamme nicht nur die Rolle von Hebammen auf dem Land und in der Stadt Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, sondern auch die Rolle der so genannten Gebärhäuser beschreibt, ist Katrin Tempels Roman Holunderliebe im 9. Jahrhundert sowie in der Gegenwart angesiedelt und befasst sich einerseits mit den Heilkräften von Kräutern und andererseits mit Berufsgeheimnissen von Hebammendynastien.

    Kerstin Cantz: Die Hebamme

    Im Roman Die Hebamme von Kerstin Cantz macht die Leserschaft Bekanntschaft mit der angehenden Dorfhebamme Gesa Langwasser, die jahrelang ihrer verstorbenen Tante, ebenfalls eine Hebamme, assistiert hat. Nach dem Tod der Tante will Gesa im Dorf deren Stellung einnehmen, muss aber aufgrund von gesetzlichen Verordnungen eine Hebammenprüfung ablegen. So geht sie nach Marburg an das dortige Gebärhaus zu Professor Kilian.

    DSCN0641Die zweite Protagonistin im Roman Die Hebamme von Kerstin Cantz ist die geachtete Marburger Hebamme Elgin Gottschalk, die zu den Geburten in Häuser angesehener Marburger Familien gerufen wird

    Hebammenschülerin Gesa lernt die katastrophalen Verhältnisse im Marburger Gebärhaus kennen, dort herrscht z.B. eine alkoholsüchtige Haushebamme, die mit den Wöchnerinnen grob umgeht, aber noch abschreckender ist die Tatsache, dass die meisten Frauen, die dort Hilfe suchen, unehelich geschwängert wurden und somit als Untersuchungsobjekte den Gelehrten und Studenten zur Verfügung stehen und all deren Untersuchungen klaglos über sich ergehen lassen müssen. Nur dann wird ihnen ihre Sünde verziehen. Einige Ansätze, diese Situaton für die Schwangeren und Wöchnerinnen zu verbessern, lässt die Autorin im Laufe der Geschichte anklingen, aber sie bleiben unausgereift.

    Das Leben der freiberuflichen Hebamme Elgin scheint auf den ersten Blick sorgloser, aber auch in den geachtesten Familien der Stadt gibt es gefährliche Geheimnisse, in die Elgin eingeweiht ist, zudem liebt sie den Apothekerssohn Lambert, der aber eine andere Frau freien soll. Und auch diese Affäre bleibt für Elgin nicht ohne Folgen.

    Katrin Tempel: Holunderliebe

    Katrin Tempel bevorzugt in ihrem Roman Holunderliebe den Zeitenwechsel, d.h. sie wechselt zwischen dem 9. und dem 21. Jahrhundert und erzählt somit zwei Geschichten. In der heutigen Geschichte erlebt die Leserschaft alles durch die Person der Geschichtsstudentin Lena, die eine wichtige Arbeit verhaut und bei der Vorbereitung auf die Wiederholungschance in der Universitätsbibliothek ein altes wertvolles Buch mitgehen lässt und aus Versehen beschädigt. Sie bringt das Buch zu einer Restauratorin, die noch eine weitere Besonderheit herausfindet: Das Buch bzw. der Text ist überschrieben worden, wahrscheinlich aus damaligem Mangel an Papier.DSCN0640

    Zeitgleich wird Lena von Visionen heimgesucht, die sie ins 9. Jahrhundert versetzen und mit dem Leben des Mönchs Walahfrid, dessen Freund Thegan und wiederum mit dessen Freundin Hemma bekannt machen. Thegan lebt im Kloster, um seine Wunden, die er sich im Kampf gegen die Ungläubigen zugezogen hat, auszuheilen. In dieser Zeit verliebt er sich in Hemma, die auch ein Kind von ihm erwartet. Hemmas Mutter starb einst bei der Geburt und so glaubt Hemmas Vater, dass auch Hemma das gleiche Schicksal erleiden muss. Doch Thegan will auch nicht Hemma verlieren und erinnert sich an den Arzt, der ihn gesund gepflegt hat. Von diesem, einem Ungläubigen, hat Thegan ein paar Samen bekommen, weiß aber nicht, wogegen diese helfen könnten. So probieren der Mönch Walahfrid und Thegan allerlei Anwendungen der Samen aus, um eventuell Hemma bei der bevorstehenden Geburt vor zu großem Blutverlust zu schützen.

    Lena reist im Heute zur Klosterinsel Reichenau, wo der Mönch Walahfrid Strabo einst gewirkt hatte und lernt dort eine neue Liebe kennen. Allerdings erzählt die Autorin diese Geschichte nicht mit dem Tiefgang wie die Ereignisse um Hemma, Thegan und Walahfrid.

    Fazit:

    Der Roman Die Hebamme von Kerstin Cantz ist keine leichte Kost, aber sehr interessant und lehrreich, die beim Lesen stellenweise hohe Konzentration abverlangt. Die Autorin bedient sich Elemente der Kriminalliteratur, der Liebes- und historischen Romane und der Medizinlehrbücher, so dass die Spannung jedoch von Anfang bis Ende anhält.

    Dagegen kann der Roman Holunderliebe von Katrin Tempel eventuell als Urlaubslektüre eingeplant werden. Die Geschichte in der Vergangenheit wird wirklich sehr spannend erzählt und bringt, sehr anschaulich erzählt, zum Ausdruck, wie schwierig es zu jener Zeit für Frauen war, eine Geburt zu überleben. Lenas Geschichte im 21. Jahrhundert wird allerdings etwas flach erzählt und enthälte einige zu klischeehafte Passagen.

    Beide Romane aber kann ich guten Gewissens als Lektüre empfehlen und Sie, werte Leserschaft, werden wahrscheinlich wie ich zu der Erkenntnis kommen: Gut, dass ich im 21. Jahrhundert lebe und viele Vorzüge des medizinischen und medizintechnischen Fortschritts in Anspruch nehmen kann.

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Zerbst, den 17. Juli 2016   Annegret Mainzer

Buchillustrator Peter Beste zeigt in Magdeburg seine Sicht auf Gulliver und Moby Dick

Buchillustrator Peter Beste zeigt in Magdeburg seine Sicht auf Gulliver und Moby Dick

von Annegret Mainzer, Zerbst

Gullivers Reisen von Jonathan Swift (1667- 1745), Moby Dick aus der Feder von Herman Melville (18191891), Der kleine Muck, ein Märchen, geschrieben von Wilhelm Hauff (1802- 1827) – diese Werke zählen zweifelsohne zu den Klassikern der Weltliteratur, die sowohl Kinder und Jugendliche wie auch Erwachsene seit Generationen begeistern. So auch den aus Osnabrück stammenden Grafiker und Buchillustrator Peter Beste. Seine Illustrationen zu den eingangs genannten Büchern werden bis zum 28. Oktober diesen Jahres unter dem Titel Peter Beste: Weltliteratur in Bildern.Erzählende Grafik im Literaturhaus Magdeburg gezeigt.

Während der Vernissage am 23. Juni im Literaturhaus Magdeburg nannte Peter Beste die Werke von Swift und Melville Perlen der Weltliteratur mit knisternder und spannender Substanz, die zwischen den Zeilen wichtige Botschaften erkennen ließen. Und Peter Beste scheute sich nicht davor, in seinen Buchillustrationen diese Botschaften auszusenden und auch zu ergänzen. Peter Beste sieht sich selbst als freier erzählender Maler und Grafiker, für den u.a. die Prinzipien des Bauhaus- Stils wichtig, aber kein zwingendes Dogma seien.

Peter Beste, Buchillustrator

Peter Beste, Buchillustrator 

Aus Swifts Feder sei reichlich Galle geflossen, so Peter Beste in seinen Ausführungen. Er machte sein Publikum darauf aufmerksam dass z.B. Gullivers absurde Abenteuer in Lilliput nicht nur reine Abenteuerliteratur darstellten. Vielmehr verkörperten sie Swifts harsche Kritik am damaligen amoralischen und korrupten Hofleben sowie am katholischen Frankreich, fügte Peter Beste hinzu. Swift habe seinerzeit den Menschen den Spiegel ihres Verhaltens vorgehalten, führte der Künstler weiter aus, denn Swift zeigte Menschen, die zu unglaublichen Untaten fähig sind. Dabei nahm Peter Beste auch Bezug auf die Gegenwart und konstatierte, der Mensch sei nicht besser geworden.

DSCN0631Den zweiten Teil seiner Ausführungen widmete Peter Beste dem Buch Moby Dick von Herman Melville. Ein literarisches Werk, das seine Leser laut Peter Beste in eine Welt entführt, in der Kapitäne auf ihren Achterdecks den Göttern gleich herrschten. Mit sehr anschaulichen Worten – Peter Beste ist eben Illustrator- schilderte er das das Leben Melvilles, seine Abenteuer auf See und seine Erlebnisse mit Südseeinsulanerinnen, was auch im Publikum Schmunzeln hervorrief. Dank der Recherchen seitens Peter Beste war gut nachvollziehbar, wie Melville seinen speziellen Zugang zu seinem Moby Dick fand. Nebenbei war auch zu erfahren, dass Melville während seiner Arbeit an Moby Dick auch Quellen zu damaligen Untersuchungen über das Verhalten von Walen heranzog.

Abschließend forderte Peter Beste die Betrachter seiner Buchillustrationen auf, ruhig in seine Bilder mit beiden Augen hineinzugehen, vielleicht fingen die Bilder ja an zu leben. Wenn den Betrachtern dann ein Schauer über den Rücken laufe, dann sei er mitten drin gewesen, so die Schlussworte von Grafiker und Buchillustrator Peter Beste.

Musikalisch umrahmt und unterbrochen wurden die Ausführungen von Peter Beste durch das Ensemble Barossance, das Lautenlieder des englischen Komponisten John Dowland ( 1626) aus dem 17. Jahrhundert sehr gefühlvoll zu Gehör brachte.

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Im Anschluss an die Eröffnung hatten die Besucher der Vernissage die Gelegenheit, sich die aussagekräftigen, teils farbreichen und auch schwarz- weißen Illustrationen von Peter Beste anzusehen und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Organisiert wurde die Ausstellung vom Verein Literaturhaus Magdeburg e.V., dem Trägerverein des Literaturhauses Magdeburg, im Rahmen der Magdeburger Literaturwochen verdichtung11.

Studenten der Magdeburger Uni mit Peter Beste

Studenten der Magdeburger Uni mit Peter Beste

In der Zeit der Sommerferien bieten die Ausstellungsorganisatoren einen besonderen Service für 5- 10-Jährige. Unter dem Motto Von großartigen Zwergen und unerhörten Riesen … wollen sie mit den Kindern spielerisch und bastelnd immer dienstags zwischen 10.00 und 12.00 Uhr diese fernen Welten erkunden. (Voranmeldung erforderlich unter 0391/404 4995)

http://www.literaturhaus-magdeburg.de/

Zerbst, den 25.06.2016  Annegret Mainzer