Was das 20. Jahrhundert unseren Urgroßeltern und Großeltern zumutete – Serien und Filme als Geschichtslektionen außerhalb der Lehrbücher

Was das 20. Jahrhundert unseren Urgroßeltern und Großeltern zumutete – Serien und Filme als Geschichtslektionen außerhalb der Lehrbücher

Krieg und Nachkriegszeit – die Stunden der Frauen

Frauen zu Beginn des 19. Jh. sorgten für gemütliches Heim und Kinder

Annegret Mainzer, Zerbst

Ich bin Jahrgang 1962 und meine Eltern waren bei Ende des 2. Weltkrieges im Alter zwischen zehn und vierzehn Jahren. Ihre Teenagerzeit war geprägt durch Angst vor Bomben, Flucht und die entbehrungsreiche Nachkriegszeit, so meine Erinnerungen an die Erzählungen meiner 1945 aus Schlesien geflüchteten Großmutter.

Keine Angst, ich möchte nicht meine Familiengeschichte niederschreiben, sondern an dieser Stelle auf eine Reihe sehenswerter und aufschlussreicher Fernsehserien und ~filme aufmerksam machen, die vielleicht heutzutage angesichts eines übergroßen Angebots an actionreichen Filmen aus Übersee in Vergessenheit geraten sind, aber an Aktualität und Brisanz nicht verloren haben.

Serien und Filme wie Goldene Zeiten, bittere Zeiten, Magere Zeiten, Jokehnen, Die Flucht und Die Himmelsleiter Sehnsucht nach Morgen thematisieren deutsche Geschichte zwischen dem Ende des 1. Weltkriegs und dem wirtschaftlichen Aufbau in der BRD in den 1950er Jahren. Die erwähnten filmischen Produktionen ermöglichen den heutigen Generationen einen detaillierten Einblick u.a. in die Geschichte der Emanzipation der Frau, als sich nicht nur die Frauen ihrer bis dato unterdrückten Fähigkeiten bewusst werden mussten, als auch in den Köpfen der Männer das Umdenken begann und das traditionelle, das jahrhundertlange festgefahrene bürgerliche Familienbild ins Wanken geriet und somit in Frage gestellt wurde.

Goldene Zeiten, bittere Zeiten

Die 20-teilige Serie Goldene Zeiten, bittere Zeiten (1981) zeigt anhand der Lebenswege des bürgerlichen selbstständigen Friseurmeisters Fritz Vollmer und seiner Töchter Victoria und Susanne sehr authentisch, wie sich der sogenannte kleine Mann durch die kärglichen Hungerjahre nach dem 1. Weltkrieg, durch die Weltwirtschaftskrise der Zwanziger mit all ihrer Dekadenz lavieren musste, um zu überleben. Aber auch die Zeit von 1933 bis 1945 wird in dieser Serie nicht ausgespart. Der jüdische Journalist Dr. Robert Wolf, Friseurmeister Vollmers Schwiegersohn, muss sich, seine Frau und Tochter im Exil durchbringen und im Kampf um das Existenzielle zahlreiche Demütigungen hinnehmen. Familiennestor Vollmer, der trotz unterschiedlicher Weltanschauungen seine Kinder und Enkel sehr liebt, hadert dabei oft mit seinem Gewissen: Einerseits beeindrucken ihn die wirtschaftlichen Erfolge des Dritten Reiches, andererseits spürt er, dass „die verfluchte Politik die Familie auseinanderreißt“, was ihn auch oft seine eigene Hilfslosigkeit erkennen lässt. Doch zum Schluss ist er fest entschlossen, sich nicht mehr zum Spielball der Großen machen zu lassen. „Ich lass´ mich nicht mehr belügen“, so das Fazit seines Lebens.

Der Serientitel Goldene Zeiten, bittere Zeiten, sehr oxymeronal, verdeutlicht, dass der Mensch zu jeder Zeit, sich mit den herrschenden politischen Gegebenheiten auseinandersetzen muss, denn ein von Politik unberührtes persönliches Leben gibt es nicht.

Magere Zeiten

Die eindeutig betitelte Serie Magere Zeiten thematisiert sowohl auf ernsthafte Weise, aber auch mit einem Augenzwinkern und einem Schuss Humor das Überleben der Menschen in der Nachkriegszeit in einer deutschen Kleinstadt in der amerikanischen Besatzungszone. Deutlich machen die 16 kurzweiligen Filmepisoden, dass in jenen dürftigen Jahren das existenzielle Überleben und die moralische und politische Neuorientierung von den Menschen Mut, Cleverness und eine nicht selten die Grenzen der Kriminalität tangierende Kreativität abforderte. Im Kampf um Lebensmittel für den nächsten Tag bewegten sich die Menschen damals stets in einer Grauzone zwischen Legalität und Illegalität. In Magere Zeiten kommt auch die Frage, wie man mit der eigenen Schuld und der Schuld der Anderen zur Zeit des Nationalsozialismus umgeht, zur Sprache. Im Kampf um die sogenannten Persilscheine zeigt sich auch, dass kaum ein Mensch ohne Fehl und Tadel war (ist).

Die Hauptprotagonistin, eine junge Schauspielerin, versucht die Kleinstadt Degenbach vor der Zerstörung zu retten, Essbares und Heizmaterial für ihre Familie aufzutreiben, die Druckerei ihres Schwagers wieder zum Laufen zu bringen, wobei sie viel Phantasie entwickelt, ihre Beziehungen zu den amerikanischen Offizieren (aus-)nutzt, aber auch sie landet für sechs Monate im Gefängnis und muss schlussendlich erkennen, dass, will man wieder ein menschenwürdiges Dasein beginnen, die Zeit der Schwarzmarktgeschäfte ein Ende haben muss.

Die Himmelsleiter – Sehnsucht nach Morgen

Die durch den 2. Weltkrieg gezeichneten Menschen haben jedoch in den dürftigen Nachkriegsjahren ihre Sehnsucht nach einem friedvollen Morgen und nach Wiederherstellung der Gerechtigkeit nie aufgegeben. Der Fernsehmehrteiler Die Himmelsleiter – Sehnsucht nach Morgen (2015) mit Kölner Lokal-und Karnevalskolorit greift die Frage der Standhaftigkeit in schwierigen Zeiten auf. Von einem im Dritten Reich aktiven Mitbürger weiß eine dreifache Mutter und Großmutter, deren jüdischer Mann abgeholt worden war, dass dieser ihren Mann denunziert hatte und ausgerechnet dieser Mitbürger bietet ihr in der kargen Nachkriegszeit Lebensmittel, Kohle und eine neue Wohnung. Wie entscheidet sich diese Frau? Paktiert sie mit dem Denunzianten den Kindern zuliebe oder bewahrt sie ihre Würde? Überzeugend gepielt wird dieser Konflikt von Christiane Paul und Axel Prahl.

Jokehnen und Die Flucht

Jokehnen (1986) und Die Flucht (2007), ebenfalls Mehrteiler, besetzt mit namhaften Schauspielern wie Maria Furtwängler, Armin Mueller-Stahl und Ursela Monn, zeigen das Schicksal zig Tausender Deutscher im ehemaligen Ostpreußen vor, im und nach dem 2. Weltkrieg. Vor allem ihre tragischen Erlebnisse während der Flucht von Ostpreußen nach Deutschland, die meistens im Januar 1945, d.h. bei Schnee und eisiger Kälte einsetzte. Dazu die Bedrohung der meist chaotischen Flüchtlingstrecks der Frauen, Alten und Kinder durch die sich panisch zurückziehenden Truppen der deutschen Armee wie durch die anrückende Sowjetarmee. Das schmale Haff muss überquert werden, – eine mehrere Kilometer lange Strecke auf gefrorenem Eis, ohne eine Möglichkeit des Ausweichens, wenn das Eis bricht. Menschliches Leid ist vorprogrammiert und in den erwähnten Filmen schonungslos gezeigt.

Fazit

Der Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches, zwei verheerende Weltkriege, Wirtschaftskrisen, mehrere Währungsreformen, Zerstörung und Neuaufbau – nicht nur einmal, Verlust von Familienmitgliedern, von Hab und Gut und von Heimat usw. – all das prägte das Leben meiner Urgroßeltern und Großeltern. Und eine weitere Erkenntnis: Krieg und Nachkriegszeit waren die Stunden der Frauen. Für meine Generation, aufgewachsen ohne Hungersnot, ohne Angst vor Bomben , …, unvorstellbar.

Doch, wer mehr über diese Zeiten und die Menschen, die damals lebten, wissen möchte, dem bietet sich im bevorstehenden Winter die Möglichkeit, den einen oder anderen Abend zu nutzen, um sich die im Beitrag besprochenen Filme und Serien auf youtube oder auf einer DVD anzusehen.

Zerbst, den 05. Oktober 2017

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Inge Helm: Die Lavendelgang – Eine europäische Seniorinnen-WG in der Provence

Inge Helm: Die Lavendelgang – Eine europäische Seniorinnen-WG in der Provence

E-Book im Edel Elements Verlag –  Rezension von Annegret Mainzer

Geht man durch die Straßen der deutschen Städte, sieht man oft mehr ältere Menschen als junge. Und diese Älteren sind fitter, unternehmungslustiger und vor allem gesünder als die ältere Generation vor ca. 50 Jahren. Nicht wenige der heutigen Seniorinnen und Senioren erreichen sogar ein sehr hohes Alter. Stellt sich also die Frage: Wie gestaltet man am sinnvollsten und selbstbestimmt seinen Lebensabend?

Vor dieser Frage stehen im Roman Die Lavendelgang der Autorin Inge Helm sechs Frauen unterschiedlichen Charakters und aus verschiedenen europäischen Ländern: Marie, Witwe mit 3 Kindern, Kochbuchautorin, die gerade ihren 65. Geburtstag hinter sich gebracht hat; Cécilie, die sich ihren Lebensunterhalt mit Mal-und Kochkursen verdiente und ein Haus in der Provence besitzt; die Pariserin Julie, die mit Marie im Oberbergischen wohnt; die Griechin Eleni, die mit der aktuellen Krisensituation in ihrer Heimat hadert; die Italienerin Franca und die in der Schweiz lebende Biggi.

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Corina Bomann: Das Mohnblütenjahr. Eine deutsch-französische Liebesgeschichte.

Corina Bomann: Das Mohnblütenjahr. Eine deutsch-französische Liebesgeschichte.  

Annegret Mainzer,  Zerbst Im Roman Das Mohnblütenjahr der Autorin Corina Bomann lernen die Leserinnen Marianne und Nicole, Mutter und Tochter, kennen.

Marianne, aufgewachsen in den 1960/70er Jahren, als die Narben es Zweiten Weltkrieges in den Beziehungen zwischen Deutschen und Franzosen noch nicht verheilt und durchaus sowohl in deutschen wie auch in französischen Familien omnipräsent sind, wird gegen den Willen ihres Vaters, eines eigenbrötlerichen Kunstmalers, Lehrerin fürDeutsch und Französisch. Zudem nimmt sie an einem deutsch-französischen Austauschprogramm für Lehrer teil.

Im Herbst ihres Lebens  betreibt sie jedoch ein Weingut in Deutschland.

Die 28-jährige Nicole, Mariannes Tochter, ein Kind unserer Zeit, vaterlos aufgewachsen, ist von ihrem Ex-Freund David schwanger. Nicole erfährt, dass ihr ungeborenes Kind womöglich an einem Herzfehler leiden wird. So macht sich Nicole auf den Weg zu ihrer Mutter, um Näheres über ihren Vater, den sie totglaubt, in Erfahrung zu bringen.

Nachdem sich Marianne zunächst vehement geweigert hat, etwas über den Vater von Nicole preiszugeben, reißt sie doch Stück für Stück die Mauer ein, die sie um die Erinnerung an ihre einstige große, aber unerreichbare Liebe errichtet hat.

So erhält Nicole durch Mariannes rückblickende Erzählungen und anhand von Fotografien Einblick in das Jahr, das ihre Mutter in der Mitte der 1970er Jahre in der französischen Kleinstadt Bar-leDuc in Lothringen als Austauschlehrerin verbracht hat. Nicole lernt das Mohnblütenjahr ihrer Mutter kennen.

Bar-le-Duc – eine Stadt mit einer romantischen Schlossruine und vielen Mohnblütenfeldern.

Im Roman Das Mohnblütenjahr beschreibt Corina Bomann sehr anschaulich und schlüssig die Erlebnisse der jungen deutschen Lehrerin Marianne in Frankreich, wo ihr Mitte der 1970er Jahre vor allem seitens der älteren Franzosen Misstrauen, ja sogar feindselige Ressentiments entgegenschlagen. Einige ihrer französischenSchüler hauen in dieselbe Kerbe ihrer Eltern, nicht nur verbal provozierend, auch ihre körperliche Gesundheit attackierend.

Im Laufe der Gespräche mit Marianne erfährt Nicole von deren leidenschaftlichen Liebe zum jungen Franzosen Michel Clement, der zwar in großer Liebe zu Marianne entbrannt ist, jedoch scheinbar nicht den Mut findet, aus den gesellschaftlichen Konventionen seiner Zeit und seiner biederen kleinbürgerlichen Heimatstadt auszubrechen sowie der Dominanz seines Vaters entgegenzutreten und zu Marianne zu stehen.

Schlussendlich fährt Marianne schwanger von Michel nach Deutschland zurück, während Michel auf Geheiß seines Vaters eine ungeliebte Frau heiratet.

Das Mohnblütenjahr endet sowohl für Marianne wie auch für Michel unglücklich.

Jahrzehntelanges Schweigen folgt, bis Nicole, die Tochter von Marianne und Michel, beginnt, aus Sorge um ihr Ungeborenes Fragen zu stellen.

Was fördern die Recherchen von Nicole zutage? Gibt es Hoffnung für ihr Baby? Brechen Marianne und Michel ihr Schweigen? Lebt Michel überhaupt noch? Wird Nicole ihren Vater kennen lernen?

Antwort auf all diese Fragen und viel Lesefreude finden die Leserinnen während der Lektüre des Romans Das Mohnblütenjahr von Corina Bomann.

Corina Bomann schreibt sehr flüssig und leicht lesbar, äußerst  illustrativ, sodass die handelnden Personen, das alte verfallene Schloss mit seiner Kuppel von Bar-le-Duc und die Mohnfelder vor dem geistigen Auge der Leserinnen entstehen. Auch weiß Corina Bomann sehr spannend zu schreiben. Eigentlich will man den Roman Das Mohnblütenjahr in einem Stück lesen und nicht aus der Hand legen.

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Zerbst, den 11.August 2017

 

 

 

Spannung pur in der Tuchvilla-Saga von Anne Jacobs

Spannung pur in der Tuchvilla-Saga von Anne Jacobs

Annegret Mainzer, Zerbst

Ein Hauch Downton Abbey und Belgravia ist zu spüren bei der Lektüre der Saga von Anne Jacobs um die Tuchvilla der Familie Melzer in Augsburg. Fließend, scheinbar freundschaftlich gestaltet die Autorin Anne Jacobs die Grenzen in den Beziehungen der herrschaftlichen Etage zur Küche, in der das Personal nicht nur emsig arbeitet, sondern auch Ereignisse im Hause seiner Arbeitgeber kommentiert und sich die eigenen Sorgen von der Seele redet.

In ihren Romanen Die Tuchvilla, Die Töchter der Tuchvilla, Das Erbe der Tuchvilla illustriert Anne Jacobs sehr anschaulich und detailliert die durch den 1. Weltkrieg bedingten gesellschaftlichen Umwälzungen, in erster Linie die emanzipatorischen Bestrebungen der Frauen aller sozialen Schichten: Von Frauen, die, während ihre Gatten, Väter und Brüder an der Front kämpfen, versuchen, sowohl ihr familiäres wie auch das gesellschaftliche Leben in Deutschland am Laufen zu halten und die nach Kriegsende nicht gewillt sind, sich mit den drei großen K, nämlich Küche, Kinder und Kirche wieder zufriedenzugeben. Vor allem im Heranreifen der Romanfiguren Marie, Kitty, Lisa, Tilly und Hanna ist die verstärkte Verankerung der Frau in der Gesellschaft beinah hautnah mitzuerleben. Aber die Tuchvilla-Sag ist keine Propaganda für Emanzipation um deren selbst willen. Vielmehr werden von Anne Jacobs sehr einfühlsam die widersprüchlichen Gefühle und Handlungen der weiblichen und männlichen Romanfiguren dargestellt. Man bedenke, für beide Geschlechter begann nach 1918 eine neue Ära des Zusammenlebens.

1.Die Tuchvilla

Im ersten Buch Die Tuchvilla begegnet die Leserschaft der elternlosen, daher im Waisenhaus aufgewachsenen Marie, die als Küchenmädel ihren Dienst in der Tuchvilla der Fabrikantenfamilie Melzer antritt. Oberhaupt der Familie Melzer ist Johann, der sich um die Angelegenheiten in der Fabrik kümmert, während seine ihm fast hörige Frau Alicia sich ausschließlich um die Kinder Paul, Kitty und Lisa und den Haushalt kümmert, untertsützt von zahlreichem Dienstpersonal. Eine klassische Rollenverteilung, wie sie bis 1914 in zahlreichen bürgerlichen Familien Europas gang und gäbe war.

Jedoch passen die Melzerkinder – jedes für sich – nicht so recht in diese bürgerliche Idylle. Paul hat keine Freude an seinem Studium, will dem Vater in der Fabrik helfen, seine vollschlanke Schwester Lisa fühlt sich von allen ungeliebt und unverstanden, denn ihre exaltierte, jedoch künstlerisch begabte Schwester Kitty versucht, ihr nicht nur den einzigen Heiratskandidaten wegzunehmen, sie scheint auch der Liebling des Vaters zu sein. In dieser Familie schafft es das Küchenmädchen Marie, die Kammerzofe von Kitty zu werden, die gar mit einem Franzosen durchbrennt und somit die Tuchvilla ins Gerede bringt.

Zwei weitere Ereignisse bestimmen den Verlauf der Geschehnisse in der Tuchvilla: Johann Melzer erleidet einen Herzinfarkt und angesichts des vermeintlichen Todes gesteht er Marie, dass ihr Vater einst sein Partner gewesen sei, der die Maschinen für die Fabrik konstruiert habe und dass ihre Mutter eine begabte Malerin gewesen sei. Zudem haben sich Paul und Marie ineinander verliebt, aber können erst über Umwege die Standesgrenzen überwinden und zueinander finden, was von den jeweiligen Familienmitgliedern wie auch vom Personal unterschiedlich beurteilt wird. Das erste Buch endet mit einer dreifachen Verlobung in der Tuchvilla und somit scheint es ein Happy End zu geben. Jedoch weit gefehlt, denn der 1. Weltkrieg steht kurz vor seinem Ausbruch.

2.Die Töchter der Tuchvilla

Weihnachten sei man wieder zu Hause, hat es bei Kriegsausbruch geheißen, doch der Kriegsverlauf ist ein anderer, als kaisertreue deutsche Offiziere vorausgesehen haben. Auch Paul Melzer und sein Schwager Alfons Bräuer, Kittys Ehemann, stehen an der Front. Senior Johann Melzer, gesundheitlich angeschlagen, versucht die Fabrik durch die Kriegswirren zu lavieren und trotz aller Schwierigkeiten, an Rohstoffe zu kommen, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten, damit die Frauen seiner an der Front kämpfenden Arbeiter ihre Kinder durchbringen können. Mehr und mehr wird ihm dabei seine Schwiegertochter Marie, der er urprünglich mit Ablehnung begegnet war, zur unverzichtbaren Stütze, wie er zähneknirschend zugeben muss. Marie, inzwischen Mutter eines Zwillingspärchens, verfügt über die Kreativität ihrer Mutter, das technische Verständnis ihres Vaters sowie über eine ausgeprägte Empathie im Gespräch mit den Fabrikarbeiterinnen und meistert so manche Krise. Im Umgang mit ihrem Schwiegervater entwickelt sie ein gewisses Durchsetzungsvermögen, jedoch bei ihrer Schwiegermutter funktioniert das nicht immer.

Aber im Buch Die Töchter der Tuchvilla beschreibt Anne Jacobs sehr realistisch auch die Erlebnisse des Hausdieners Humbert an der Front und voller Anteilnahme das immer währende Bangen der daheim gebliebenen Frauen und Mütter um ihre Verlobten, Ehemänner, Väter, Söhne und Brüder. Egal, ob Hausdiener, Arbeiter oder Fabrikant, der grausame Krieg verschont niemanden, so fällt Kittys Ehemann und Lisas Ehemann, der einst schneidige und bei den Frauen beliebte adlige Offizier, kehrt mit einem zerschossenen Gesicht zurück.

3.Das Erbe der Tuchvilla

Im dritten Buch Das Erbe der Tuchvilla geht es eigentlich darum, wie sich das Zusammenleben von Frauen und Männern nach dem Krieg gestaltet, wie Standesdünkel durchbrochen, konservative Ansichten über die Stellung der Frau gegen fortschrittlichere ausgetauscht werden und auch im Denken und Handeln der Männer eine Neuorientierung einsetzt. Das geht jedoch nicht ohne Zweifel, ohne tiefgehende Konflikte innerhalb der Familie ab, dabei wird die einst so unerschütterliche Liebe zwischen Marie und Paul auf eine harte Probe gestellt. Die Tuchvilla, in der Paul und seine Mutter mit einer adligen Gouvernante wohnen, übernimmt in diesem Buch den Part der Bastion, in der um die Ansichten der Vorkriegszeit gekämpft wird, wohingegen in dem Haus von Kitty, die sich als Künstlerin selbst verwirklicht, wo auch die inzwischen berufstätige Marie mit den Zwillingen zeitweise wohnt, und Tilly, die entgegen dem Rat ihrer Mutter ein Medizinstudium begonnen hat, – hier herrscht die Bohème, die gegenbürgerliche Lebensweise, die oberflächlich gesehen, nichts auf Konventionen gibt.

Finden Paul und Marie wieder zusammen, können sie die Grenzen von konservativem Denken und Handeln und Bohéme überwinden?

Antwort auf diese Fragen findet die Leserschaft am Schluss der Saga. Anne Jacobs hat es in ihrer Tuchvilla-Saga geschafft, die unterschiedlichen Handlungsstränge, egal, ob in der Herrschaftsetage oder in der Küche, so aufzubauen, dass bei der Lektüre die Spannung nie nachlässt. Sehr einfühlend und mit großem Empathievermögen gestaltet sie die einzelnen Charaktere, vor allem auch die der heranwachsenden Kinder, die oft unter den konservativen Ansichten ihrer Großmutter Alicia leiden.

Anne Jacobs beschreibt die Figuren und Handlungen sehr illustrativ, fassbar, glaubwürdig und wirklichkeitsnah. Ihr Schreibstil gibt einem das Gefühl, mitten in der Tuchvilla zu sein. In manchen kritischen Situationen hat man als Leser das Bedürfnis, der einen oder anderen Romanfigur einen Stups zu geben, sie wachzurütteln, damit die Sache ein Happy End nimmt.

Die Tuchvilla, Die Töchter der Tuchvilla, Das Erbe der Tuchvilla – Bücher, geschrieben von Anne Jacobs, die einen zum Durchlesen in der Nacht verführen, von Müdigkeite keine Spur, deshalb auf der Skala von 10 – volle 10 Punkte, denn sie sind Spannung pur.

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Zerbst, den 20. Juli 2017

Deutschkenntnisse sind in den Ostseeanrainerstaaten gefragt

Deutschkenntnisse sind in den Ostseeanrainerstaaten gefragt – April 2017: 4. Germanisten-und Deutschlehrerkonferenz in Riga

Annegret Mainzer, Zerbst

Die Universität Lettlands, die Universität Uppsala, die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg sowie die Botschaft der BRD in Lettland luden in Kooperation mit der Deutschen Auslandsgesellschaft e.V., dem Hueber-Verlag und dem Deutschlehrerverband Lettlands vom 21.-22.April 2017 nach Riga zur 4. Germanisten-und Deutschlehrerkonferenz der Ostseeanrainerstaaten ein. Die Konferenz, an der ich erstmalig teilnahm, fokussierte das Thema „Stellenwert der deutschen Sprache im Ostseeraum“.

Universität Lettlands, Riga

In der Kleinen Aula der Universität Lettlands fand die Eröffnung statt, besetzt mit hochkarätigen Referenten. Nach der Begrüßung der zahlreich angereisten Konferenzteilnehmer durch die gastgebende Rigaer Professorin Ilze Kangro und Marita Gareis von der Universität Uppsala erfolgte auch ein Willkommen durch Professor Dr. Indriķis Muižnieks, Rektor der Universität Lettlands. Da es um die deutsche Sprache ging und diese über mehrere Jahrhunderte das wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturell-gesellschaftliche Leben in den Metropolen der Ostseeländern beeinflusste, ließ es sich S.E. Rolf Schütte, Botschafter der BRD in Lettland, nicht nehmen, ein Grußwort an die Teilnehmer zu richten.

S.E. Rolf Schütte, Botschafter der BRD in Lettland

Den offiziellen Statements folgte ein von Schülern des Staatlichen Deutschen Gymnasiums Riga und des 1. Staatsgymnasiums Riga dargebrachter musikalischer Gruß.

Vergangenheit und Gegenwart spiegelten sich in den Themen der Plenarvorträge des ersten Konferenztages wider. Prof. Dr. Ojãrs Spãrītis, Präsident der Akademie der Wissenschaften Lettlands referierte über die Vergangenheit, nämlich über „Zeugnisse der Reformations-und Konfessionalisierungszeit in den Artefakten der livländischen Kunst“ und bewies, dass ein Studium der lettischen Kunstgeschichte ohne Kenntnis der deutschen Sprache fast nicht möglich sei, wohingegen Prof. Dr. Jens Strackeljan, Rektor der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, auf die Gegenwart Bezug nahm, indem er auf den Stellenwert der deutschen Sprache als Wissenschaftssprache in der heutigen Zeit einging. Der dritte Plenarvortrag von Prof. Dr. Alexander Belobratow von der Universität in St. Petersburg und zugleich stellvertretender Vorsitzender des Germanistenverbandes Russlands gab einen kurzen Überblick der deutschsprachigen Migrationsromane vom Newa-Ufer.

Daran schloss sich eine sehr illustre und interessante interaktive Podiumsdiskussion zum Thema „Meine Erfolgsgeschichte durch Deutsch“ an, in der Vertreter verschiedener beruflicher Coleur ihre positiven Erfahrungen im Berufsleben darstellten, die sie aufgrund ihrer fortgeschrittenen Deutschkenntnisse sammeln konnten. Bemerkenswert ihr Fazit: Ohne Deutschkenntnisse hätten sie diesen oder jenen Erfolg nicht erreicht. Bemerkenswert ebenfalls ihre Aussage, dass es in den baltischen Ostseeanrainerstaaten nicht genüge, nur Englisch zu lernen, bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe man auch bzw. vor allem aufgrund von Deutsch- und Russischkenntnissen. Jedoch reagiere leider nach ihrer Aussage das Schulsystem nicht immer auf die Erfordernisse in der Wirtschaft.

Am zweiten Konferenztag stellten Dr. Christina Rosén von der Växjö Universität und Marita Gareis von der Universität Uppsala ihre Untersuchungen zur Förderung des Sprachenlernens in Schweden mit Fokus auf Deutsch als Fremdsprache vor. Im Zuge ihrer Untersuchungen ging es ihnen nicht nur um das quantitative Erfassen von Deutschlernern, sie interviewten auch schwedische Unternehmer zu Chancen von Bewerbern mit „Nur“-Englischkenntnissen und stellten diese jenen mit breit gefächerteren Fremdsprachenkenntnissen gegenüber. Die Antworten der Befragten deckten sich mit den in der Diskussion am Abend zuvor geäußerten den Erfahrungen: Multilinguale Bewerber, vor allem auch mit Deutschkenntnissen würden bevorzugt eingestellt. Aber dieser Erfordernis der Wirtschaft würde das schwedische Schulsystem nicht entsprechen, so Dr. Rosén. Der Trend gehe zum „Nur“-Englischlernen. Professor Dr. Jan Standtke von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg ging in seinen anschaulichen und gegenwartsbezogenen Ausführungen auf das Thema „Deutsche Sprache und Literatur im Bildungskontext 2017“ vor .

Den Plenarvorträgen, denen alle mit großem Interesse folgten, schloss sich der Erfahrungsaustausch in mehreren Arbeitskreisen an. Im Arbeitskreis zur Methodik und Didaktik des Faches Deutsch als Fremdsprache, an dem auch ich teilnahm, wurden unterschiedliche Unterrichtsprojekte und ~sequenzen aus der gegenwärtigen Lehrpraxis der Konferenzteilnehmer präsentiert. Während Kathrin Nodorf von der Magdeburger Universität die Herausforderungen an Deutschlehrende in einer globalisierten Welt anhand ihres landeskundlich orientierten Projektes „Interkulturell Deutsch lernen“ illustrierte, berichtete ich in meiner Eigenschaft als Lehrkraft am Sprachenzentrum der Magdeburger Universität, wie ich mein Hobby in meinen DaF-Unterricht einbinde. Das heißt, ich legte meine Vorgehensweise und Erfahrungen beim Einsatz von authentischen Blogtexten (von mir verfasster Buchrezensionen für Muttersprachler) in den Niveaustufen B1 und C1 dar. Andere Kolleginnen wiederum berichteten davon, wie sie von ihren Schülern selbst gewählte Themen in die Unterrichtspraxis umsetzen oder welche Computerprogramme sich bei der Korrektur von schriftlichen Textproduktionen als hilfreich erweisen. Zahlreiche Fragen hatten die jeweiligen Referentinnen zu beantworten, jedoch reichte bedauerlicherweise die Zeit oft nicht, um ausführlicher ins Detail zu gehen. Vielleicht sollte bei der Vorbereitung der 5. Germanisten-Deutschlehrerkonferenz, die in Kaunas stattfinden soll, dem Erfahrungsaustausch mehr Zeit eingeräumt werden.

Für den intensiveren Austausch von Erfahrungen, für lockere Gespräche über die Berufspraxis von Deutschlehrenden, aber auch über aktuelle politische Entwicklungen nutzten die Konferenzteilnehmer auch den Empfang in der Rigaer Residenz des deutschen Botschafters. In zwangloser Atmosphäre konnten hier neue kollegiale Kontakte geknüpft, vielleicht sogar neu gemeinsame Projekte entwickelt werden. Ich finde, eine gute Sache, besonders in unseren Tagen, in denen auf der großen politischen Bühne schon mal der eine oder andere Misston zu hören ist.

An dieser Stelle möchte ich allen Organisatoren und der gastgebenden Universität Lettlands in Riga für die uns erwiesene Gastfreundschaft und die Durchführung der Konferenz ein herzliches Dankeschön sagen. Für mich persönlich stellte nicht nur die Teilnahme an der Konferenz, an den Gesprächen und Diskussionen mit Gleichgesinnten eine wertvolle Erfahrung dar, sodass ich meinem Kollegium empfohlen habe, die nächste Konferenz dieser Art wieder zu unterstützen.

Eine persönliche Anmerkung sei noch abschließend gestattet: Für mich war es auch mein erster Besuch in Lettland, in Riga. Und das Schönste war, ich fühlte mich dort fast wie zu Hause, denn ich traf auf Spuren von Landsleuten. Zum Beispiel konnte ich in Riga mit eigenen Augen den Nymphenbrunnen vor der Nationaloper, die Rolandstatue und die Atlanten am Eingang zum Nationaltheater betrachten. Diese Kunstwerke wurden alle vom 1851 in Magdeburg geborenen Bildhauer August Franz Leberecht Volz, über den ich bei uns in Sachsen-Anhalt bereits publiziert habe, angefertigt.

  

Auch nutzte ich die Gelegenheit für einen Besuch von Schloss Rundale, wo der kurländische Hofmaler Friedrich Hartmann Barisien seine künstlerischen Spuren hinterlassen hat. Barisien ist eng mit meiner Geburtsstadt Zerbst/Anhalt verbunden. Auch im Zerbster Schloss war Barisien etliche Jahre tätig.

Somit war die Reise nach Riga für mich sowohl eine angenheme Begegnung mit Unbekanntem wie mit Bekanntem.

Zerbst, den 13. Juli 2017

Bäckerin mit Herz – Jenny Colgans Roman Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg

Bäckerin mit Herz – Jenny Colgans Roman Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg

Annegret Mainzer

Es sieht aus wie Urlaub. Es riecht nach Urlaub. Es löst Sehnsucht nach Urlaub aus. Es – das Titelbild des Romans Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg von Jenny Colgan. Doch wer glaubt, es ist leichte Urlaubslektüre, der irrt, obwohl Urlauber und Touristen durchaus die Romanhandlung mitbestimmen.

Der Roman Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg von Jenny Colgan erzählt die Geschichte der jungen und leidenschaftlichen Bäckerin Polly Waterford in Mount Polbearne, einem Hafenort in Cornwall. Dort hat sich die sympathische Hauptheldin Polly Waterford, wie aus dem ersten Romanband Die kleine Bäckerei am Strandweg zu erfahren ist, ihren Traum erfüllt und verkauft ihre selbstgebackenen Brotkreationen in der von Mrs Manse gepachteten Bäckerei. So konnte sie auch den alten Leuchtturm erwerben, wo sie mit ihrem amerikanischen Freund Huckle und dem Papageientaucher Neil lebt.

Pollys gut gehendes Geschäft, ihre Existenz, ihr Glück geraten in Gefahr, als Mrs Manse stirbt und deren Neffe Malcolm sich als Chef der Bäckerei aufspielt, Pollys selbst gebackene Ware ablehnt und sie nur noch industriell hergestellte und in Plastik verpackte Backwaren verkaufen lässt. Als der angebliche Geschäftsmann Malcolm Polly auf dem falschen Fuß erwischt – schließlich muss es in einer Bäckerei sauber zugehen und ein Papageientaucher hat dort auch nichts zu suchen – eskaliert die Situation und Polly verliert ihren Job in der Bäckerei.

Da Polly aber Geld verdienen muss, beschließt sie, eine mobile Bäckerei zu betreiben. Doch auch dafür braucht sie Geld. Also beschließt ihr Freund Huckle nach Amerika zu fliegen, um dort das notwendige Geld zum Beispiel für den Kauf eines Verkaufsfahrzeuges zu verdienen.

Werden Polly und Huckle die Trennungszeit unbeschadet überstehen? Werden Pollys täglich frisch gebackene Waren gegen das geschmacklose Pappzeug von Malcolm siegen? Wie werden sich Pollys einstige Kunden verhalten? Warum ist das Leben in Mount Polbearne so besonders?

Auf all diese Fragen erhält die Leserschaft Antwort in dem etwa vierhundertfünfzigseitigen Roman Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg von Jenny Colgan, dessen Hauptfiguren unterschiedliche menschliche Stärken und Schwächen zeigen. Zwar dreht sich die Handlung meist um Polly und ihren existenziellen Überlebenskampf, aber die Autorin Jenny Colgan zeigt am Beispiel von Pollys Freunden Kerensa und Reuben auch, wie schnellvergänglich finanzieller Erfolg sein kann. Des Weiteren lässt sie Huckle, der versucht die Schwierigkeiten seines Bruders auf dessen Farm zu beheben, erkennen, dass jeder, der Probleme hat, diese zuerst selbst lösen sollte, wobei er natürlich durchaus Hilfe von anderen in Anspruch nehmen kann.

Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg von Jenny Colgan – Lektüre zur Orientierung in schwierigen Situationen des Lebens, gut durchdacht, unterhaltsam, humorvoll und flüssig geschrieben. Besonders beeindruckend dargestellt, ist die recht ungewöhnliche Beziehung von Polly zum Papageientaucher Neil. Vielleicht verstehen sich Mensch und Tier doch in manchen Momenten besser als die Menschen untereinander?

In der ersten Romanhälfte herrschen in der Entwicklung der Handlung zuweilen noch Momente des Auf-der-Stelle-Tretens, jedoch mit Beginn des Sturmes setzt eine ungewöhnlich rasante Zuspitzung der Handlung ein, dass man Mühe hat, wichtige Details nicht zu überlesen. Und wieder einmal wird uns die Botschaft vermittelt, dass angesichts von Naturgewalten unsere vermeintlich lebenswichtigen Probleme wie Eifersucht, Misstrauen oder das stetige Streben nach höherem Gewinn ihre Schrecken verlieren.

Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg von Jenny Colgan hat meiner Meinung nach einen Schwachpunkt – Pollys Selbstzweifel und ihr fast ohnmächtiges Verhalten gegenüber Malcolms verbalen Einschüchterungs-und Mobbingattacken. Das entspricht eigentlich nicht so dem Bild einer Frau im 21. Jahrhundert. Trotzdem gebe ich dem Roman auf einer Skala von 1 bis 10 gute 8,5 Sympathiepunkte.

Starke Frauengestalten in Julian Fellowes „Belgravia“

Starke Frauengestalten in Julian Fellowes „Belgravia“

Annegret Mainzer, Zerbst

Unter den Ballgästen der Herzogin von Richmond am Vorabend der schicksalsschwangeren Schlacht von Waterloo im Juni 1815 ist der Neffe der Gastgeberin Edmund Bellasis, einziger Sohn von Lady und Lord Brockenhurst. Der attraktive Edmund avanciert insbesondere aufgrund seiner künftigen gesellschaftlichen Position zum Traum aller nach Schwiegersöhnen suchenden adligen Mütter.

Was weder seine Tante, die Herzogin von Richmond, noch seine Eltern, oder die anderen Ballgäste ahnen, geschweige wissen, ist, dass Edmunds Herz Sophia, der Tochter des aufstrebenden britischen Geschäftsmanns James Trenchard, gehört. Die Trenchards, eigentlich keine Stammgäste auf den Bällen des Adels, hatten durch Edmunds Vermittlung eine Einladung zum Ball bekommen. Somit legt der Autor Julian Fellowes in seinem Gesellschaftsroman Belgravia den Samen, aus dem sich eine Geschichte entwickelt, in der es darum geht, die menschliche Würde im Kampf zwischen Vertretern der seinerzeit emporstrebenden Bourgeoisie und des Adels, der versucht, seine führende Stellung in der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, zu bewahren.

Die Ballnacht nimmt jedoch ein jähes Ende, da die wehrfähigen Männer in die Schlacht von Waterloo ausziehen. Auch Edmund, der in der Schlacht fällt und die schwangere Sophia hinterlässt. Zwar hatten Sophia und Edmund zuvor heimlich geheiratet, aber Sophia glaubt einem Schwindel erlegen zu sein, entdeckt sie doch unter den Kameraden von Edmund, den vermeintlichen Geistlichen, der sie beide getraut hatte.

Die weitere Handlung des Romans Belgravia setzt 25 Jahre nach den Ereignissen jener Ballnacht von 1815 ein. Die Familie Trenchard, in London lebend, hat sich damit arrangiert, dass ihre Tochter Sophia bei der Geburt ihres vermeintlich unehelichen Sohnes Charles verstarb und dass sie ihren Enkel vertrauensvoll in die Hände einer Familie eines Geistlichen gegeben hat. Allerdings zeigt der Junge von Sophia und Edmund mehr Talent als Unternehmer und wird so mit anonymer Unterstützung seines Großvaters James Trenchard in London tätig.

Als nun die beiden Großmütter Anne Trenchard und Lady Brockenhurst in London sich begegnen und Großmutter Anne vor Lady Caroline Brockenhurst das Geheimnis um den Enkel Charles lüftet, nimmt das Romangeschehen seinen unerwarteten Verlauf. Beide Großmütter versuchen entgegen allen Standesgrenzen ihren Enkel Charles vor Gefahren, die aus erbrechtlichen Fragen entstehen, zu beschützen und in seiner geschäftlichen Tätigkeit zu bestärken.

Dabei ist Anne Trenchard ein wenig gefangen in ihrem Vorstellungen der seinerzeit herrschenden Klassengesellschaft und mehr als Lady Caroline Brockenhurst gewillt, sich dem Willen ihres Mannes unterzuordnen. Lady Caroline Brockenhurst zeigt dagegen einen größen Willen, eine festere Entschlossenheit, ihren Enkel Charles den Weg in die Gesellschaft zu ermöglichen. Vielleicht ist ihre Motivation stärker als bei Anne Trenchard, da sie mit Edmund ihren einzigen Sohn verloren hat und fast 25 Jahre lang glauben musste, von ihr und ihrem Gatten bliebe nach ihrem Tod nichts mehr.

Dass auch Lady Caroline Brokenhurst nicht ganz ihren Standesdünkel über Bord werfen kann, davon zeugen ihre Wort und Gedanken Sophia Trenchard betreffend, die sie als berechnend bezeichnet und an einen unehrenhaften Heiratsschwindel ihres Sohnes Edmund nicht zu glauben vermag.

Anne Trenchard und Lady Caroline Brockenhurst, zwei unterschiedliche Frauen, was ihre Herkunft betrifft, die in der Sorge um ihren gemeinsamen Enkel Charles einen respektvollen Umgang miteinander finden. Beide zeigen ungeachtet aller damaligen Standesgrenzen Entschlossenheit, Kampfgeist, Willensstärke und Standhaftigkeit.

Zwei weitere bemerkenswerte Frauengestalten in Jullian Fellowes Roman Belgravia stellen Susan , die Schwiegertochter von Anne Trenchard, und Lady Maria Grey, die sich in Charles verliebt, dar.

Erstere, also Susan, knderlos in ihrer Ehe und eigentlich ungeliebt in der Familie Trenchard, begeht Ehebruch, doch als sie merkt, dass ihr Liebhaber sie zurückstößt, ist sie so clever, das beste daraus zu machen und verliert weder ihren Ehemann noch ihre gesellschaftliche Stellung.

Auch die junge Lady Maria Grey ist mutig, indem sie gegen den Willen ihrer Mutter eine schon arrangierte Verlobung löst, um zu ihrer wahren Liebe „Ja“ zu sagen.

Julian Fellowes` Roman Belgravia ist sehr unkompliziert zu lesen, zeichnet aber ein realistisches Bild der Londoner Gesellschaft im 19. Jahrhundert, kommt jedoch an die Serie Downton Abbey, dessen Drehbuch ebenfalls aus der Feder von Julian Fellowes stammt, nicht heran. Doch einige Aspekte des Verhältnisses von Herrschaft und Personal kommt auch in Belgravia zum Tragen.

Empfehlenswert ist die Lektüre von Julian Fellowes` Roman Belgravia auf alle Fälle, da in ihm ein großes Spektrum menschlicher Charakterstärken und Charakterschwächen aufgezeigt wird. Und die Leserschaft findet dann endgültig die Antwort auf Fragen wie: War Sophia Trenchard wirklich berechnend? War Edmund ein Heiratsschwindler? ……

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