Eleonora Hummel: In guten Händen in einem schönen Land – Lesung im Literaturhaus Magdeburg

Eleonora Hummel: In guten Händen in einem schönen Land – Lesung im Literaturhaus Magdeburg

Unter dem Dach des Literaturhauses in Magdeburg, dem einstigen Geburtshaus des Dichters Erich Weinert (1890- 1953), organisieren verschiedene kulturell ausgerichtete gemeinnützige Vereine und Gesellschaften eine Reihe von interessanten Veranstaltungen wie Lesungen oder Ausstellungen.

So traf sich trotz schönsten Biergartenwetters – so die Aussage von Eleonora Hummel – am Abend des 11. Mai eine sehr interessierte Leserschar auf Einladung der seit 1991 in Magdeburg agierenden Literarischen Gesellschaft Magdeburg e.V. zu einer Lesung mit der Autorin Eleonora Hummel, die ihren Roman In guten Händen in einem schönen Land vorstellte.

DSCN4672Die Begrüßung übernahm an diesem Abend Britta Roders, Vorsitzende der Literarischen Gesellschaft Magdeburg e.V., die zurzeit etwa 55 Mitglieder stark ist.

Eleonora Hummel, Jahrgang 1970 und gebürtig aus Zelinograd (heute: Astana) in Kasachstan, gehört zu den Menschen in unserem Land, deren Vorfahren dem Rufe der Zarin Katharina II., einer geborenen Prinzessin von Anhalt-Zerbst, im 18. Jahrhundert ins damalige Russische Reich folgten. Ihre Vorfahren mütterlicherseits siedelten sich im Donezker Gebiet an, während ihre Vorfahren väterlicherseits sich in Odessa als Weinbauern niederließen. Durch die Wirren des 2. Weltkrieges kamen beide Familien nach Kasachstan, wo sich Eleonora Hummels Eltern kennen lernten. Sie selbst verließ mit ihren Eltern 1982 die Sowjetunion und lebte fortan in Dresden. Dort begann auch für Eleonora Hummel die Zeit des Deutschlernens.

DSCN4679Zu Beginn ihrer Lesung warnte Elonora Hummel die Zuhörer davor, dass es bei ihrem Roman In guten Händen in einem schönen Land um schwere Kost gehe, aber mit einem Hoffnungsschimmer. Auch bekannte die Autorin, dass ihre Suche nach ihrem Lebensthema viel Zeit in Anspruch nahm. Doch als sie spürte, dass sowohl im heutigen Russland wie auch in Deutschland ein großes Defizit im Wissen über die Geschichte der Deutschen in Russland – vor allem zur Zeit des sogenannten großen Stalinistischen Terrors – existiert und aufgrund ihres familiären Hintergrunds, hatte sie ihr Thema gefunden.

In ihrem Roman In guten Händen in einem schönen Land geht es um die Beziehung zwischen Mutter und Tochter bzw. darum, wie diese Beziehung sich entwickelt, wenn Mutter und Tochter gewaltsam auseinander gerissen werden. Den Stoff für ihren Roman fand Eleonora Hummel in einer russischen Zeitung, in der ein Interview mit Betroffenen zu lesen war. Für sie sei das ein Stoff von existenzieller Wucht gewesen, führt Eleonora Hummel weiter aus.

Dem Publikum erläuterte Eleonora Hummel auch ihre Herangehensweise an diesen Roman, sie gab wie es ein Gast des Abends nannte, Einblicke in ihre Schriftstellerwerkstatt. Zum einen benutzte sie nur öffentlich zugängliche Quellen, zum anderen vermied das persönliche Gespräch mit den betroffenen Personen, einerseits aus Taktgefühl undandererseits wollte sie sich selbst in ihrer künstlerischen Freiheit nicht einengen. Die Autorin versuchte jeder ihrer Frauenfiguren einen eigenen Tonfall zu geben. So nutzte sie für jede Figur eine andere Perspektive. Da wird die Geschichte des Mädchen Viktoria, die in Heimen aufwächst und deren Mutter im Arbeitslager ist, aus der Ich-Perspektive erzählt. Die Geschehnisse um ihre Mutter, der inhaftierten Schauspielerin Olessia, erzählt die Autorin in der nicht einfach zu lesenden Du-Perspektive, d.h. das einst junge und schöne Ich von Olessia spricht mit ihrem nach 17 Jahren Lagerhaft gealterten und nicht mehr gut aussehenden Ich, sodass oft eine kontrastive Gegenüberstellung von Vergangenheit und Gegenwart, von der Zeit vor und nach der Lagerhaft, entsteht.

Lesung mit Eleonora Hummel

Lesung mit Eleonora Hummel 

Eleonora Hummel las vier oder fünf wichtige Passagen aus ihrem Roman In guten Händen in einem schönen Land und dabei war zu merken, dass die Autorin im Umgang mit ihren Protagonistinnen sehr viel Empathie walten ließ und es versteht, hervorragend mit der deutschen Sprache umzugehen. Konkret, Eleonora Hummel findet auf den Punkt genau treffsichere Adjektive und Verben, sodass es eine Freude ist, ihre Texte  zu rezipieren.

Im Anschluss an die Lesung hatten die Gäste die Möglichkeit mit Eleonora Hummel ins Gespräch zu kommen. Danach befragt, welchen Leser, den russischen oder den deutschen, sie beim Schreiben im Blick hatte, berichtete sie von den verschiedenen Reaktionen auf Lesungen. Lese sie vor russlanddeutschem, d.h. vor persönlich betroffenem Publikum, meinten die Zuhörer, dass es oft noch viel arger war, als sie in ihrem Roman beschrieb, lese sie vor mehr deutschem Publikum, sei dieses stets aufgrund der dargestellten Unmenschlichkeit erschüttert, so Eleonora Hummel. „Ich wollte keine Gräueltaten schillernd beschreiben, nur andeuten“, meint die Autorin abschließend.

Eleonora Hummel erhielt für ihr literarisches Schaffen bereits einige wichtige Auszeichnungen wie den Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis und den Hohenemser-Literaturpreis. Als Romanautorin debütierte sie mit Die Fische von Berlin im Jahr 2005. Danach folgte ihr Roman Die Venus im Fenster (2009).

Eleonora Hummel – eine Autorin, die an diesem Maiabend im Literaturhaus Magdeburg überzeugt hat, auch mich, denn ich werde jetzt ihre Bücher lesen.

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Zerbst, den 12.Mai 2016 Annegret Mainzer

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